Die soziale Pathologie des Ebola-Virus und der Epidemie in Westafrika

von Gerhard Schellmann (Kapverden) (Kommentare: 0)

Woher kommt Ebola

Ausbreitung von Ebola (weltweit)
© Spiegel Online 22.10.2014

Immer wieder wird laut unsere Pwik-Auswertungen nach der Gefahr von Ebola in Zusammenhang mit Kapverden gesucht. Bisher existiert allerdings nur den räumlichen Zusammenhang, dass die Kapverdischen Inseln 500 Kilometer vom Senegal entfernt liegen. Und etliche Festlandsafrikaner auf Kapverden Leben.

Die zweite Verbindung zwischen Ebola und Kapverden besteht darin, dass die Kapverdische Regierung sehr wohl um die Gefahren für den Tourismus durch Ebola weis und mit allen legalen Mitteln (Quarantäne bei der Einreise etc.)  versucht ein Übergreifen auf Kapverden zu verhindern. (Siehe dazu auch Ebola Fall im Senegal - Kapverden schließt seine Grenzen zum Senegal). Selbst das Auswärtiges Amt hält ein Übergreifen auf die kapverdischen Inseln für ist relativ unwahrscheinlich, kann es jedoch nicht ausschliessen.

Die kapverdischen Inseln, inbeondere die Insel Santiago liegen an der Schnittstelle zwischen Afrika und Europa, dort, wo Europa auf Afrika trifft. Die wirtschaftliche, soziale und politische Situation der Kapverden lässt sich sicher nicht als charakterisch für ein "Schwellenland" bezeichnen, sondern wir merken natürlich, dass das Land erst vor kurzem den Status eines der ärmsten Länder der Welt verlassen hat. Glücklicherweise sind wird jedoch sehr weit von den Horrorszenarien dieser Analyse entfernt, die im folgenden in Auszügen referiert wird

Am 15.10.2015 veröffentlich medico international eine Analyse des People`s Health Movement zur Sozialen Pathologie des Ebola-Virus und der Epidemie in Westafrika. Diese Analyse weist auf den gesellschaftlichen und wirtschafrlichen Kontext der Ebola-Epidemie hin.

Eine Analyse des People`s Health Movement

Es ist kein Zufall, dass die gegenwärtige Ebola Epidemie drei der ärmsten Länder der Welt trifft: Liberia, Guinea und Sierra Leone liegen auf Platz 175, 179 und 183 aller 187 Länder auf dem Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen. Die Gesundheitssysteme dieser Länder sind ineffektiv beziehungsweise in vielen Regionen praktisch nicht vorhanden. Die gegenwärtige Epidemie ist eine Epidemie, die durch Armut und die schonungslose Ausbeutung der Umwelt und der natürlichen Rohstoffe in der Region verursacht wurde.

Die sozialen und ökonomischen Wurzeln der gegenwärtigen Epidemie

Tatsächlich weisen alle Epidemien, die von mit Ebola vergleichbaren Viren verursacht wurden, strukturelle Gemeinsamkeiten auf: Immer betreffen sie Regionen, deren Wirtschaft und öffentliches Gesundheitssystem geschwächt waren. In solchen Gebieten sind die Menschen gezwungen, immer tiefer in die Wälder vorzudringen, um Nahrung und Brennholz zu sammeln. Und nur dort kommen sie in Kontakt mit Tieren, die als Krankheitsüberträger fungieren, wie in diesem Fall die Flughunde.

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Seit dem ersten Auftreten von Ebola 1976 wird die Mehrzahl aller Ersterkrankungen mit dem Verzehr von infizierten Affen und Flughunden in Verbindung gebracht. Ebendiese Erstfälle stammen üblicherweise aus den ärmsten Bevölkerungsschichten.

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Heute ist Liberia das Land mit der weltweit höchsten Quote ausländischer Direktinvestitionen im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt. In weniger als einer Dekade schloss Liberia Sonderabkommen mit zahlreichen transnationalen Konzernen in der Eisen-, Erz- und Palmölindustrie ab, darunter BHP Billiton und Arcelor Mittal. 

 

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Dass die Aneignung von großen Anteilen der landwirtschaftlichen Fläche durch die Agrarindustrie signifikante ökologische Veränderungen mit sich brachte, kann nicht überraschen. Vieles spricht dafür, dass nicht zuletzt diese Veränderungen dafür verantwortlich sind, dass bisher noch unbekannte oder auf wilde Tiere beschränkte Krankheitserreger nun auch Menschen infizierten.

 

Schwache Gesundheitssysteme entstehen nicht durch Zufall

Der Blick der ganzen Welt richtet sich im Moment – aufgrund der medialen Epidemiedekontextualisierter und angstmachender Berichte – auf diese drei Länder, dabei ist es nicht nur das Ebola-Virus ist, das hier Menschen tötet. Nehmen wir den Fall Sierra Leone: In den ersten vier Monaten seit dem Ausbruch von Ebola wurden hier 848 Menschen infiziert, von denen 365 gestorben sind. In vier Monaten sterben in Sierra Leone aber im statistischen Durchschnitt auch 650 Menschen an Meningitis, 670 an Tuberkulose, 790 an HIV bzw. AIDS, 845 an Durchfallerkrankungen und mehr als 3.000 Menschen an Malaria. Seit Jahrzehnten sterben die Menschen an diesen Krankheiten, nicht erst seit den letzten vier Monaten. 

Gesundheitssysteme kollabieren

Nun haben wir also eine Epidemie, wo keine sein dürfte. Routinemaßnahmen öffentlicher Gesundheitseinrichtungen sind hier keine Routine – sie sind ein Luxus, der in Zeiten der Epidemie allenfalls vorhanden ist, wenn er von Hilfsorganisationen bereitgestellt wird.

Gesundheitssystem müssen stabilisiert werden

Auch die finanzielle Unterstützung durch die UN und die Gates-Stiftung, ist zwar positiv, doch sie wird nichts ausrichten gegen die strukturellen Probleme, die die Ausbreitung weiter befördern. Weder die massiven menschlichen, noch die wirtschaftlichen Verluste des Landes können damit kompensiert werden. 

Nach der Epidemie: Business as usual

Langfristige Lösungen erfordern allerdings fundamentale Veränderungen der wirtschaftlichen Strukturen und der Machtverhältnisse zwischen den Ländern Westafrikas (und natürlich auch darüber hinaus - anderen Ländern, die ähnliche Geschichten besitzen) und den kapitalistischen Wirtschaftssystemen des Nordens und ihren Unternehmen, die die Region im Zusammenspiel mit lokalen RegierungsvertreterInnen und Eliten weiter ausplündern. Die Epidemie wird nun aller Wahrscheinlichkeit nach ihren Lauf nehmen und, nachdem sie eine Spur von Tod und Zerstörung hinter sich gelassen hat, wird auch sie letztendlich abklingen. Nicht etwa, weil die Weltgemeinschaft viel richtig gemacht haben wird, sondern weil es in der Natur des Virus selbst liegt. Dann bleibt die Frage, ob wir irgendetwas aus der Ebola-Epidemie gelernt haben werden. Oder ob wir einfach wieder zum Alltag übergehen werden: back to business as usual?

Wer ist das People's Health Movement

Seit dem Jahr 2000 setzt sich das People's Health Movement für das Menschenrecht auf Gesundheit ein. Das internationale Netzwerk besteht aus Gesundheitsinitiativen in vielen Ländern der Welt und aus Experten für öffentliche Gesundheit. Das Netzwerk publiziert jährlich den „Global Health Watch“, bildet in der International Peoples Health University Gesundheitsfachkräfte weiter, um Basisinitiativen im Einsatz um öffentliche, allen zugänglichen Gesundheitsinfrastruktur zu stärken, und setzt sich im Rahmen der WHO für eine globale Gesundheitspolitik ein, die die Rechte der Marginalisierten stärkt. medico international gehört dem Netzwerk seit seiner Gründung an und fördert die aufgezählten Maßnahmen.

Quelle

Medico interantional,&nbsp 15.10.2014 sierra leone

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