Sal: Auf der Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Umweltschutz und touristischem Wachstum
Mitten in der Nist- und Eiablagezeit der Meeresschildkröten machten wir uns auf den Weg zur Insel Sal, um Projekte zu besuchen, die sich dem Schutz, der sozialen Innovation und dem Unternehmertum widmen. Dabei entdeckten wir, dass auf der meistbesuchten Insel Kap Verdes jeder Tourist aktiv zum Schutz der Schildkröten beitragen kann.
Es ist 16:30 Uhr an einem heißen Septembernachmittag an einem Strand der Insel Sal. Eine Gruppe von Touristen versammelt sich um das Schildkrötengehege des Projeto Biodiversidade, das direkt am Strand vor dem Resort RIU Funana liegt. Alle hoffen, den Moment zu erleben, in dem die Tiere aus ihren Eiern schlüpfen. Doch bevor es soweit ist, beginnt die Veranstaltung mit einer kurzen Einführung über die Bedeutung der Meeresschildkröten auf dieser Insel des kapverdischen Archipels.
In lockerer Atmosphäre erzählt einer der Freiwilligen den Besuchern, dass Kap Verde das wichtigste Nistgebiet der Unechten Karettschildkröte im östlichen Atlantik und eines der bedeutendsten weltweit ist. Diese Meeresbewohner, die bereits seit 150 Millionen Jahren auf unserem Planeten existieren, sind ausgezeichnete Navigatoren: Sie finden stets den Weg zurück an den Ort ihrer Geburt – den Strand, an dem sie Jahrzehnte später selbst ihre Eier ablegen, meist im Alter von 20 bis 25 Jahren.
Doch was geschieht, wenn dieses „Zuhause“ inzwischen von einer anderen Spezies besetzt wurde – von jener, die der Tierwelt wohl die größten Probleme bereitet? Tatsächlich ist es der Mensch, der den Meeresschildkröten am meisten zusetzt, nicht nur den Unechten Karettschildkröten.
Plastikverschmutzung, Fischernetze, Wilderei, Lichtverschmutzung, Lebensraumzerstörung und Klimawandel – all das bedroht ihr Überleben. Sechs der sieben bekannten Meeresschildkrötenarten stehen inzwischen auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion (IUCN), eingestuft zwischen „stark gefährdet“ und „gefährdet“. Umso wichtiger ist die Arbeit jener, die sich für ihren Schutz einsetzen.
Einblicke in den Alltag des Projeto Biodiversidade
Viele Touristen nehmen während der Nist- und Eiablagesaison an den täglichen Nest-Ausgrabungen des Projekts teil. Die Eier werden zuvor von städtischen oder touristisch stark frequentierten Stränden an sicherere Orte gebracht, damit die Jungtiere bessere Überlebenschancen haben.
Während die Freiwilligen vorsichtig im Sand graben, weicht die anfängliche Neugier schnell ehrlicher Rührung: Wenn die kleinen Schildkröten zum ersten Mal das Licht der Welt erblicken, ist das ein Moment, den niemand vergisst. Neben den goldenen Stränden und dem warmen Wasser der Insel nehmen viele Besucher diese Erinnerung als ihr kostbarstes Souvenir mit – von der „No Stress“-Insel, die mit ihren 350 Sonnentagen im Jahr ein beliebtes Reiseziel ist.
Doch genau diese Strände, die seit Jahrtausenden die Schildkröten zum Nisten anziehen, sind heute durch die wachsende touristische Nutzung zunehmend gefährdet. „Wir versuchen, alle Nester von den urbanen und touristischen Stränden zu entfernen“, erklärt Albert Taxonera, Direktor des Projekts. Der Biologe verließ Spanien vor 14 Jahren, um sich auf Sal der Erforschung und dem Schutz der Meeresschildkröten zu widmen. Als er ankam, arbeitete er zunächst als Freiwilliger für eine NGO; 2015 gründete er schließlich das Projeto Biodiversidade.
Und die Arbeit zeigt Wirkung: 2021, so berichtet Albert, war ein „außergewöhnliches Jahr“. Rund 50.000 Nester wurden registriert – das entspricht etwa 880.000 geschlüpften Schildkröten. Beeindruckende Zahlen, auch wenn die Statistik ernüchtert: Nur etwa eine von tausend Jungtieren erreicht das Erwachsenenalter.
Tourismus trifft Artenschutz
Die Einbindung der lokalen Gemeinschaft ist ein zentraler Bestandteil der Projektarbeit. Doch auf einer Insel, in der der Tourismus rasant wächst, müssen auch die Besucher mit ins Boot geholt werden. Hier setzt das TUI Turtle Aid Programm an – eine Initiative der TUI Care Foundation in Zusammenarbeit mit dem Projeto Biodiversidade. Das dreijährige Programm, das bereits in die zweite Phase geht, zielt darauf ab, gefährdete Meeresschildkröten zu schützen, insbesondere an ihren Niststränden.
Da die Schildkröten eines der Wahrzeichen der Insel sind, fällt es leicht, eine emotionale Verbindung zwischen Touristen und Tieren herzustellen. Besucher lernen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie etwa auf eine Schildkröte oder ein Nest treffen. Zudem können sie auf der Website des Projekts symbolisch eine Schildkröte adoptieren und so zum Schutz beitragen.
Auch die Bildung spielt eine Rolle: In der aktuellen Programmphase nahmen bereits über 7.000 Kinder an Schulveranstaltungen und Exkursionen zu den Brutstationen teil. Außerdem arbeitet das TUI Turtle Aid mit Hotels zusammen, um diese „turtle friendly“ zu machen – etwa durch Schulungen des Personals oder die Reduktion der nächtlichen Lichtverschmutzung, die frisch geschlüpfte Jungtiere desorientieren kann.
Nachteinbruch – auf Patrouille mit den Schildkrötenschützern
Die Abwesenheit künstlicher Lichter ist für diese Spezies lebenswichtig. Kaum geschlüpft, kennen die kleinen Schildkröten nur ein Ziel: das Meer. Doch die grellen Lichter von Resorts und Anlagen führen viele in die Irre. Nacht für Nacht kriechen sie in Richtung der Lichtquellen – und sterben dann meist an Erschöpfung, Austrocknung oder als leichte Beute für Hunde, Krabben oder Vögel.
Auch erwachsene Schildkröten, die zur Eiablage an Land kommen, werden durch Lichtverschmutzung abgeschreckt. Oft kehren sie ins Meer zurück und suchen abgelegenere Strände – wie die Reserva Natural da Costa da Fragata im Süden der Insel. Dort zeigt sich noch ein Stück ursprüngliche Landschaft: weite Sandflächen, gesäumt von niedrigen Dünen mit spärlicher Vegetation.
Als wir ankommen, verschwindet die Sonne langsam hinter den Wolken, während das Team des Projeto Biodiversidade jene Schildkröten freilässt, die wir am Nachmittag noch im Gehege gesehen hatten. Für diesen Moment sind keine Touristen zugelassen. Die Szene – Dutzende winzige Tiere, die entschlossen zum Meer kriechen – bleibt unvergesslich.
Nächtliche Patrouillen und bedrohte Traditionen
Die Dunkelheit legt sich über den Strand, als wir zum Lager des Projeto Biodiversidade zurückkehren. Von hier aus werden die nächtlichen Patrouillen koordiniert, die während der gesamten Nistzeit – von Juni bis Oktober – stattfinden. Mithilfe von Drohnen überwacht das Team die Küste auf Schildkröten, die an Land kommen, aber auch auf Gefahren wie streunende Hunde oder Wilderer.
Albert erzählt, dass die Jagd zwar zurückgegangen sei und das Töten von Schildkröten auf Kap Verde seit 2018 strafbar ist – dennoch komme es weiterhin vor. Der Verzehr von Schildkrötenfleisch und -eiern ist auf manchen Inseln noch immer Tradition, ebenso wie die Jagd auf Männchen.
Um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen, verstauen wir unsere Handys und Bildschirme in den Rucksäcken. In stiller Konzentration hören wir Alberts Anweisungen, bevor wir zur nächtlichen Patrouille aufbrechen. In dunkler Kleidung – das ist Pflicht – bewegen wir uns lautlos den Strand entlang. Sobald eine Schildkröte gesichtet wird, müssen alle in die Hocke gehen und reglos verharren.
Bald entdecken wir im Sand eine frische Spur. Albert geht allein vor, prüft die Lage und winkt uns dann heran: Eine Schildkröte ist dabei, ihre Eier abzulegen. Während sie mit den Flossen Sand über das Nest schaufelt, vermessen die Freiwilligen den Panzer und bringen schließlich einen Chip an einer der Flossen an – so kann das Tier künftig identifiziert werden. Nur rotes Licht ist erlaubt, damit die Schildkröte nicht gestört wird. Sobald sie ihr Nest bedeckt hat, ziehen wir uns leise zurück.
Auf dem Rückweg treffen wir auf eine andere Gruppe – Touristen, die an einer offiziellen Beobachtungstour teilnehmen. Solche von der Regierung zertifizierten Anbieter sollen sicherstellen, dass die Begegnungen nachhaltig verlaufen und die Tiere nicht gefährdet werden. Immer mehr Reisende kommen eigens wegen dieses Naturschauspiels auf die Insel.
Das Gleichgewicht zwischen touristischem Wachstum und Naturschutz bleibt jedoch eine Herausforderung. Das Projeto Biodiversidade engagiert sich längst nicht mehr nur für die Schildkröten: Auch Seevögel und – neuerdings – Zitronenhaie, die sich zu einer weiteren Attraktion der Insel entwickelt haben, stehen im Fokus. „Wir arbeiten am gesamten Ökosystem und setzen auf die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung“, betont Albert. „Nur so kann die Gemeinschaft selbst Teil der Lösung werden.“
Unternehmertum und Ausbildung als Partner des Tourismus
Ein neuer Tag bricht in Santa Maria an. Das Morgenlicht taucht das Meer in ein unwirkliches Blau, die Boote am Pier und die bunten Hausfassaden leuchten. Obwohl die Insel klein ist, ist Sal das touristische Zentrum Kap Verdes. Im vergangenen Jahr verzeichnete das Land 1,2 Millionen Touristen, rund 60 Prozent davon entschieden sich für die Insel Sal. Laut dem Nationalen Statistikamt Kap Verdes stammen die meisten Besucher aus Großbritannien, gefolgt von Deutschland, den Niederlanden, Portugal und Frankreich.
In der touristischsten Stadt der Insel stehen einfache, teils halbfertige Häuser im starken Kontrast zu den luxuriösen Resorts direkt am Strand, wo gepflegte Gärten und weitläufige Pools fast vergessen lassen, dass Sal in weiten Teilen eine karge, trockene Landschaft ist – nur ein kleiner Teil ist überhaupt landwirtschaftlich nutzbar.
Im städtischen Markt von Santa Maria herrscht geschäftiges Treiben: Junge Menschen bereiten in der Gemeinschaftsküche das Mittagessen vor, während an den Obst- und Gemüseständen – meist Importware – die Verkäuferinnen die Besucher mit herzlichem Lächeln begrüßen. Hier findet ein Projekt statt, das auf eine zentrale Herausforderung des touristischen Booms reagiert: den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.
Ausbildung mit Perspektive
Durch die TUI Academy erhalten junge Menschen Zugang zu Schulungen in verschiedenen Bereichen des Tourismus – von Hotellerie bis Gastronomie. In der letzten, im September beendeten Ausbildungsrunde nahmen 350 Jugendliche aus benachteiligten Gemeinden teil und erhielten eine Spezialisierung im Bereich Food & Beverage (F&B). Die kommende Runde wird um technische Ausbildungsgänge im Hotelwesen erweitert.
Eliano Monteiro, 22 Jahre alt und gebürtig von der Insel Sal, gehörte zu den Absolventen und arbeitet inzwischen im Gastgewerbe. „Ich war orientierungslos – ohne diesen Kurs wüsste ich nicht, was ich tun sollte. Jetzt habe ich Arbeit und will weiterlernen“, erzählt er.
„Ich bin sehr stolz auf dieses Programm, weil wir damit Leben verändern“, sagt Hélder Martins, Küchenchef der TUI Academy Cabo Verde. Das Projekt läuft in Partnerschaft mit der Hotelfachschule des Landes und bietet neben Fachausbildung auch Unterstützung für alleinerziehende Mütter, die ihre Ausbildung fortsetzen möchten.
Die Zukunft gestalten: Die TUI Futureshaper House
Nicht weit vom Markt entfernt steht ein weiteres Zentrum für neue Ideen im Bereich Tourismus und soziale Innovation: die TUI Futureshaper House. Hier soll die lokale Bevölkerung befähigt werden, vom touristischen Wachstum zu profitieren. „Wir wollen eine starke Gemeinschaft aufbauen und junge Menschen sowie lokale Projekte unterstützen“, erklärt Ayla Delgado, Kommunikationsverantwortliche der Futureshaper House Cabo Verde.
Das 2023 eröffnete Gebäude mit seinen vier hellen Räumen wirkt offen und inspirierend – es gibt sogar einen Coworking-Bereich, der zunehmend digitale Nomaden anzieht. Auf dem Programm stehen monatlich Workshops, Netzwerktreffen und sogenannte „Eureka Moments“. Das laufende Projekt (bis 2027) will 200 Studierende ausbilden, 80 Start-ups fördern und 20 NGOs unterstützen.
„Die Kapverdier sind sehr unternehmerisch und haben viele gute Ideen“, sagt Ayla. „Was oft fehlt, ist Hilfe bei der Umsetzung.“
Damit werden die Weichen gestellt für eine starke, kreative Unternehmergemeinschaft auf Sal.
Landwirtschaft im Wüstenklima: Die Milot Hydroponics
Dieses Unternehmergeist-Beispiel spiegelt sich auch in der Landwirtschaft wider. Die Familie des bekannten Musikers Mirri Lobo betreibt auf Sal das erste hydroponische Landwirtschaftsprojekt der Insel – die Milot Hydroponics in Palha Verde. Schon der Weg dorthin zeigt die Herausforderung: flaches, ockerfarbenes Land, trocken wie eine Wüste. „Auf dieser Insel wächst nichts von selbst. Unser größtes Problem ist der Zugang zu Wasser“, erklärt Mirri.
Da es auf Sal keine natürlichen Wasserquellen gibt, wird das Wasser durch Entsalzung und Osmose gewonnen. Umso beeindruckender wirkt die grüne Oase, die mitten in der Einöde liegt. „Wir begannen mit Tomaten, wurden aber von einer Plage getroffen und mussten uns neu orientieren“, erinnert sich Mirri, heute CEO des Unternehmens. Nach der Pandemie entschieden sie sich, das Sortiment zu erweitern. Inzwischen bauen sie über 20 Sorten an – von Kräutern über Gemüse bis hin zu Obst.
Hydroponik ist eine Anbaumethode, bei der Pflanzen nicht in Erde, sondern in nährstoffangereichertem Wasser wachsen. Die Milot Hydroponics beschäftigt rund 40 Menschen und beliefert sowohl Hotels (etwa 50 Prozent der Produktion) als auch lokale Geschäfte. Besucher können das Projekt nach Anmeldung besichtigen.
Nachhaltige Partnerschaften
Im Jahr 2022 erhielt das Unternehmen einen neuen Impuls durch die Teilnahme am Programm TUI Field to Fork, das Landwirte beim Aufbau nachhaltiger und regenerativer Praktiken unterstützt und ihre Marktchancen verbessert. Für die Milot Hydroponics bedeutete das Zugang zu neuen Kunden und mehr Sichtbarkeit.
Heute gibt es mehrere weitere hydroponische Projekte auf Sal – viele wurden durch das Beispiel der Milot inspiriert. Während die Partnerschaft mit TUI Field to Fork nun endet, wird das Programm mit einem neuen landwirtschaftlichen Projekt fortgesetzt. Ideen mangelt es auf der Insel jedenfalls nicht: Auf Sal wächst nicht nur Gemüse – sondern auch eine Generation von Menschen, die Nachhaltigkeit, Tourismus und Unternehmergeist miteinander verbinden.
Fazit
Zwischen glitzernden Resorts und trockenen Dünen versucht Sal, ein sensibles Gleichgewicht zu halten – zwischen Wachstum und Bewahrung, zwischen Tourismus und Natur. Dass das gelingen kann, zeigen die Geschichten von Menschen wie Albert Taxonera, Hélder Martins, Ayla Delgado und Mirri Lobo. Sie alle tragen dazu bei, dass die „Insel des No Stress“ nicht nur ein Paradies für Urlauber bleibt, sondern auch für jene Lebewesen, die schon lange vor uns hier waren – die Schildkröten des Atlantiks.
Quelle: Ilha do Sal: em busca do equilíbrio entre conservação ambiental e crescimento turístico