The Line
Auf der US-Seite ragen die spiegelverglasten Wolkenkratzer San Diegos in die Luft und wenige Autostunden weiter nach Norden liegt Los Angeles. Auf der mexikanischen Seite des unerbittlichen Stahlwalls, der die Grenze
bildet, liegen rund um das Zentrum Tijuanas Elendsviertel, die von Hunderttausenden von Mexikanern bewohnt werden. In den ärmliche Hütten und Häuschen, die kilometerlang direkt an der Mauer kleben, leben Menschen, die vorwiegend aus dem armen Süden des Landes stammen. Sie sind der Hoffnungslosigkeit ihrer Dörfer entflohen, haben über 3.000 Kilometer zurückgelegt und wollen nun ins Gelobte Land, nach Norden, wo es Arbeit gibt und ein besseres Auskommen. Einen Steinwurf vom Ziel ihres Traums entfernt, warten sie auf eine günstige Gelegenheit, die Linie, wie hier die Grenze heißt, zu überqueren. Doch der letzte Schritt ihrer Reise ist der schwierigste: Wie die Grenzbefestigungen überqueren, die Tijuana von San Diego trennen und jährlich Hunderte von Menschen das Leben kosten?
Für US-Amerikaner, die nach Süden über die Grenze wollen, besteht dagegen keine Einreisebeschränkung. So knattern kalifornische Rockergangs auf ihren Motorrädern mit Stahlhelmen und Sonnenbrillen durch die Strassen Tijuanas und pflegen nach einigem auf- und ab im Hard Rock Café Tijuana
einzukehren. Hochgebockte Jeeps mit Rädern vom Durchmesser eines Traktors kreuzen über den Boulevard, darin sitzen Muskelprotze mit dem Gesichtsausdruck der Bösen aus den Schwarzenegger Filmen. Leichtbekleidete Prostituierte konkurrieren um Freier unter den Tausenden von Wochenendtouristen aus den USA. Gleich um die Ecke ist für Autos kein Durchkommen mehr möglich, etwa einhundert Mariachis bevölkern in filmreifen Kostümen die Strasse und spielen für zwei US-$ original mexican mariachi music. Über allem liegt der durchdringende Geruch von Imbissbuden und verbrauchtem, altem Fett. In manchen Kneipen dröhnen die Tigres del Norte aus den Lautsprecherboxen, die die Heldentaten der Bosse nordmexikanischer Drogenkartelle besingen. Kokain ist so einfach zu bekommen, wie ein Hamburger. Die überall gegenwärtige, gewalttätige Spannung macht sich in Schlägereien Luft, oft wird geschossen, über 230 Menschen sind in den letzten neun Monaten in der Stadt ermordet worden, die meisten im Zusammenhang mit Drogengeschäften.
Auch bei den lokalen Polizeieinheiten scheint der Colt locker im Halfter zu sitzen. Einige der Erschossenen gehen auf das Konto der Fuerzas Especiales, einer neugeschaffenen Sondereinheit, die auf Geländemotorrädern durch die Strassen patroulliert. Sie vermittelt keineswegs den Eindruck von Sicherheit, sondern eher den einer weiteren
Streetgang. Einige ihrer Mitglieder wurden bereits inhaftiert, da ihre Opfer nicht im vermeintlichen Feldzug gegen das Verbrechen, sondern im Rahmen des erbitterten Kampfes um Marktanteile an Drogenhandel und Vergnügungsbetrieb gefallen sind. Daß das Vertrauen in die Sicherheitskräfte nicht sonderlich weit gestreut ist, verdeutlichen auch
Schilder der Stadtverwaltung mit der Aufschrift, daß Polizisten nicht autorisiert sind, Geld entgegen zu nehmen.
Nachts: Die große Freiheit bei Sex & Drugs
Jedes Wochenende strömen Tausende US-Amerikaner, Gabachos, wie die Mexikaner sie nennen, über die Grenze. Für 10 $ die Nacht bekommen sie in Tijuana ein feines Hotelzimmer, für weitere 20 $ eine junge Mexikanerin gleich dazu, die - wie ihr Zuhälter sie auf der Strasse feilbietet - die ganze Nacht alles macht!. Das Geschäft floriert für die Besitzer der diversen Clubs die Strip-Shows, Schlammcatchen und mehr versprechen. Doch die jungen Frauen arbeiten dort für nicht einmal 7 $ am Tag im Akkord.
Viele der nächtlichen Touristen sind jung, das Straßenbild ähnelt einem Rap-Video, es wimmelt von grimmigen Gesichtern mit Kopftüchern, weiten Hosen und noch flaumigen HipHopper-Bärten. Ein Gutteil dieser Homeboys sind US-Amerikaner mexikanischer Herkunft, sogenannte Chicanos, und die wenigsten dürften Gang-Mitglieder sein, obwohl fast alle bemüht sind, als gnadenlose Outlaws zu erscheinen. Für sie ist es ein Ausflug in eine dubiose Freiheit, ein Ausbruch aus einer nicht weniger zweifelhaften Restriktion. Zwar besitzen die meisten von ihnen bereits mit sechzehn einen Führerschein, doch der Erwerb alkoholischer Getränke und der
Zutritt zu Bars und Diskotheken mit Alkoholausschank ist in Kalifornien erst ab 21 Jahren gestattet. Auf der mexikanischen Seite hingegen fragt sie niemand nach ihrem Alter, selbst in den Sex-Bars nicht, obwohl dort gesetzlich eigentlich ein Mindestalter von 18 vorgegeben ist.
Tags: Souvenirs und Alkohol zu Billigspreisen
Am nächsten Morgen ändert sich das Strassenbild völlig, nur vereinzelt sieht man die Protagonisten der vorherigen Nacht, auf Treppenabsätzen sitzen, ihren schmerzenden Kopf zwischen beiden Händen haltend, kneifen sie die Augen zusammen und gehen der gnadenlosen Sonne aus dem Weg. Wo gestern noch lärmende Diskotheken und in grellen Farben leuchtende Sex-Clubs waren, befinden sich nun unzählige Souvenirläden und Verkaufsstellen für Parfüm und hochprozentige Getränke, allen voran
Tequila. Überall weisen große Schilder auf die im Vergleich zu den USA besonders günstigen, teilweise steuerfreien, Preise hin, wohl als Erinnerung für die wenigen Touristen, die nicht aus genau diesem Grund nach Tijuana gekommen sind. Der Altersdurchschnitt ist nun wesentlich höher als am Vorabend und vereinzelt sind sogar japanische Reisegruppen auf Tagestour auszumachen.
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