Fogo - 2 tägige Tour Bordeira von Nord nach Süd

Reisebericht November 2013 (Erstveröffentlichung)

Sicherung am Klettersteig

Vom 10. November 2013 – 09. Dezember 2013 waren Almut Simon und ihr Mann Günther auf den großen Wanderinsel der Kapverden unterwegs. (Siehe auch Ihr Feedback Ein zweifaches Lob von zwei Bergsteigern)

Wir bedanken uns bei den beiden, das sie uns Ihren Bericht Fogo - Bordeira Nordteil & Südteil als Erstveröffentlichung zur Verfügung stellen.

Copyright © Almut Simon

Zwischenüberschriften von Gerhard aka Geraldo Schellmann (Webmaster & Backoffice Reiseträume Kapverden)

Donnerstag, 28.November: Bordeira (Nordteil)

ZeZe Montrond
ZeZe Montrond

Die Tour versetzt mich anscheinend doch in Aufregung, denn nachts konnte ich kaum einschlafen, war immer wieder wach und hatte wirre Träume. Das Schrillen des Weckers mitten in der Nacht um 5 Uhr ist der totale Schock. Ich hasse solche unchristlichen Uhrzeiten. Die beiden Deutschen, mit denen wir uns gestern Nachmittag so nett unterhalten hatten, sitzen auch schon am Frühstückstisch. Sie wollen heute auf den Pico.

Auf Zezes Wunsch, fährt Mustafa uns zum Startpunkt der Wanderung am äußeren Ende der Bordeira. Ich bin ihm dafür sehr dankbar, sparen wir uns so mindestens eine Stunde Gehzeit mit einem schweren Rucksack auf der langweiligen Straße. Ein Kilogramm Kletterzeug ist zu dem Schlafsack und den 2 ½ Litern Wasser noch dazu gekommen. Das zusätzliche Gewicht fällt unangenehm auf, als wir uns den steilen Pfad auf den unteren Teil der Bordeira hocharbeiten. Ein Kapverder, den wir im Auto mitgenommen hatten, springt leichtfüßig im angeregten Gespräch mit Zeze vor uns her, denn der Weg zu seinen Feldern ist im ersten Teil der gleiche wie unserer.

Am Fuß der Bordeira erstreckt sich der größte zusammenhängende Nebelwald der Kapverden. Darunter befinden sich die Obst- und Kaffeeplantagen von Monte Velha, ebenfalls ein Naturschutzgebiet. Auf der sanft abfallenden Rückseite der Caldera werden Wein und Äpfel angebaut. Ein alter Rebstock kann 8-10 Kilo Trauben tragen. Während wir laufen, erklärt uns Zeze die endemischen Pflanzen und wofür sie genutzt werden. Aus Artemesia zum Beispiel, einer silberblättrigen Staude, die wir schon oft angetroffen haben, wird ein Aufguss gegen Erkältungen hergestellt. Aus Tagetes, Lavendel und Thymian kann man erstaunlicherweise Schnaps brennen.

Flacheres Gelände auf der Rückseite
Flacheres Gelände - auf der Bordeira-Rückseite

Nach einer halben Stunde Aufstieg sind wir gut eingelaufen. Hier auf den Inseln kennt jeder jeden und Zeze verlässt uns kurz, weil in den Hütten etwas unterhalb ein Cousin von ihm wohnt. Hinter einem ersten, hohen Felssporn wechseln wir auf die Caldera-Innenseite. Plötzlich stehen wir auf einem arschbreiten Felsband, welches senkrecht in die Caldera abbricht. Schon ich habe im Blick nach unten ein mulmiges Gefühl, wie mag es da erst Günter hinter mir gehen? Besonders als Zeze mitten drauf stehen bleibt und in aller Seelenruhe telefoniert. Mit etwas flatterigen Knien gelangen wir wieder in flacheres Gelände auf der Rückseite der Bordeira, wo wir auf einem guten Pfad höchstens mal ein paar Felsvorsprünge erklettern müssen. So können sich unsere Nerven wieder beruhigen.

Aber immer öfter weichen wir in die senkrechte Bordeirawand aus. Die unangenehmsten Stellen sind diejenigen, wo auf den schmalen, abschüssigen Bändern auch noch loses Geröll herum liegt. Führt der Pfad direkt auf der Gratkante entlang, erahnen wir nur, dass es dahinter abwärts geht.

Die Kletterei beginnt

Am Stahlseil

Nach 2 ½ Stunden erreichen wir das erste Stahlseil. Es führt senkrecht eine Felswand empor. Zeze fragt uns, ob wir uns einhängen wollen, aber es scheint nicht so dramatisch zu sein, deshalb probieren wir es erst einmal ohne Sicherung. Es ist ja ein ziemlich umständliches Hantieren, wenn nach jeder Befestigung die Karabiner umgehängt werden müssen. Auch an die schweren Rucksäcke haben wir uns soweit gewöhnt, dass sie uns beim Klettern nicht mehr behindern. So, geschafft, die erste Seillänge liegt hinter uns. Ich bin froh, dass ich solche ausgesetzten Passagen bewältigen kann, ohne schwindelig oder zittrig zu werden. Unsere anspruchsvolleren Klettereien liegen ja schon einige Zeit zurück. Auch Günter hatte sichtlich Spaß und auch an der nun folgenden Kraxelei durch die Felsen. Oft gibt es gar keine Seilsicherungen; komischerweise auch nie an den besonders abschüssigen Querungen entlang der Bänder. Der Blick zurück zeigt, dass wir schon ein ganz schönes Stück über den Grat zurückgelegt haben.

Je mehr wir uns dem höchsten Punkt der Bordeira nähern, desto wilder und zerklüfteter wird die Felsszenerie. Schon nach kurzer Zeit ist im Blick zurück kein Pfad mehr auszumachen, sondern nur noch unwirtlich anmutende, hintereinander gestaffelte Felstürme. An Einschnitten offenbaren sich atemberaubende Tiefblicke in die Caldera. Dort fällt ein Gewirr von Graten, Zacken und Schluchten in die Tiefe. Trotz der Steilheit sind sie grün bewachsen und wundersam schön.

Jetzt aber volle Konzentration

Nach vier Stunden permanenten Aufstiegs, nur von kleinen Pausen unterbrochen, beginnen die heikelsten Stellen im Anstieg zum Gipfelmassiv. Jetzt ist alles geboten: ausgesetzte, schmale Bänder, Schrofen, und abschüssige, geröllige Flanken, die in unendlichen Tiefen verschwinden. Wie winzige Ameisen müssen wir in der Wucht dieser mächtigen Felswand wirken. Wir klettern mittlerweile ausschließlich auf der Innenseite der Bordeira. Lange Seilpassagen führen durch die extrem ausgesetzten Abschnitte. Ein stürmischer Wind hat eingesetzt und macht die Kletterei kalt, anstrengend und auch ein bisschen unheimlich. Nach fünf Stunden erreichen wir ein langes, seilgesichertes Band. Volle Konzentration ist von Nöten, hier muss jeder Schritt sitzen, ein Ausrutscher wäre fatal. Mir sind die blockigen Abschnitte, wo Hände und Füße beim Klettern festen Halt haben am liebsten, am unangenehmsten die gerölligen, abschüssigen Bänder. Aber wir werden immer geschickter, setzen sicher und hochkonzentriert unsere Füße. Wir merken kaum, wie die Zeit vergeht.

ZeZe weist den Weg

Erst als wir uns anschicken, endgültig den höchsten Punkt zu erklimmen, spüre ich eine tiefe körperliche und geistige Erschöpfung. In einer windgeschützten Felsnische machen wir deshalb noch einmal eine kurze Pause. Kaum vorstellbar, dass es im Schatten und Wind so kalt sein kann.

Nach sechs Stunden ist es endlich soweit: wir erreichen sichtlich erschöpft den höchsten Punkt des gesamten Bordeira-Kammes. In den letzten fünf Minuten hat es sich schlagartig zugezogen. Wie in einem Fahrstuhl brausen die Nebel im stürmischen Wind die senkrechten Calderawände empor. Als ob dort unten ein riesiges Maul lauern würde, das seinen Höllenatem ausspeit. Bis jetzt hatte nur eine dünne Schleierbewölkung den Himmel überzogen, die zwar für die Brillanz der Fotos schlecht war, zum Klettern aber sehr angenehm, weil es in brütender Sonne vermutlich wesentlich anstrengender gewesen wäre. Ab und zu geben die Dunstschwaden Sichtfenster ins Tal frei. Trotzdem, die Nebel hätten ruhig eine halbe Stunde warten können, bis wir unsere Pause zum Ende gebracht hätten. Dabei haben wir es auf unserer Bordeira noch gut. Kreisende Winde haben dem Pico eine dichte Wolkenhaube übergezogen. Was hatten wir gestern mit unserem klaren, windstillen Wetter doch für ein Glück. Nach vorne schauen wir auf eine sonnige Vulkanaußenflanke. Passatwolken unter uns versperren allerdings die Sicht zum Meer.

Katxupa plus Hähnchen und anschliessender Gitarren-Romantik

ZeZe & Tarzom
Selbstbildnis

Nach dem Gipfel ändert sich die Landschaft komplett. Wir bleiben von nun an auf der Außenseite; keine Felsen sind mehr zu durchsteigen. Sobald wir von der Kante zurücktreten, erstirbt der Wind und die wieder hervor gekommene Sonne wärmt angenehm. In maximal 1 ½ Stunden soll nun der Schlafplatz, eine natürliche Felshöhle, erreicht sein. In einen Einschnitt unterhalb haben Tarzom und Zeze aus dem porösen Lavagestein bizarr geformte Köpfe heraus gemeißelt, nur so aus Spaß, bei ihrem letzten Besuch vor drei Wochen. Das werden wir zuhause als prähistorisches Felsrelief verkaufen, ähnlich den peruanischen Fels-Zeichnungen von Nazca.

Helfer im Anmarsch
Helfer im Anmarsch

Um 17:15 Uhr sitzen wir in der Senke bei den Kopfskulpturen in der Sonne. Ich schreibe Bericht und genieße es, dass es hier windstill und warm ist. Auf der „Terrasse“ vor der Höhle konnte man zwar bequem im Höhleneingang sitzen, aber es war windig und kalt. Ich freue mich auf den Sonnenuntergang in einer knappen Stunde. Es ist bestimmt beeindruckend von so hoch oben die Sonne in einem tanzenden Band aus Licht im Meer versinken zu sehen. So wie wir das schon einmal auf La Palma erleben durften.

Aber genauso schnell, wie mittags die Nebel verschwunden sind, ziehen sie nun wieder auf. Heute ist das Wetter wirklich unberechenbar. Wir hören Zeze Stimme im Nebel, der uns besorgt zur Höhle zurückruft. Der Wind frischt noch mehr auf, so dass nun endlich die Gorejacken zum Einsatz kommen. Seit zwei Wochen haben wir sie immer nur im Rucksack mitgeschleppt.

Katxupa mit Huhn a la Bordeira
In der Übernachtungshöhle
Katxupa mit Huhn a'la Bordeira

Tarzom ist von seinem kleinen Bruder und noch einem Freund begleitet worden. Gemeinsam haben sie neben den erforderlichen Lebensmitteln literweise Wein, einen Ghettoblaster und eine Gitarre hoch geschleppt. Tarzam ist ein richtiges Urviech, obwohl er gar nicht so aussieht. Er buckelt ohne mit der Wimper zu zucken, 30 Kilo die Steilwand hoch. Bei ihrer Ankunft um 15 Uhr gab es ja schon warmen Reis und Hähnchenbollen von Mustafa. Nun lodert ein kräftiges Feuer vor der Felswand hinter der Höhle und die Kochtöpfe stehen fast in Flammen. „Gleich fliegt der Deckel in die Luft“, meint Günter. Wir bekommen Katxupa mit dem restlichen Hähnchen vom Nachmittag. Der Teller wird so voll gehäuft, dass es für uns beide reicht. Ein zweites Feuer wird entzündet. Dafür schleppen sie halbe, vertrocknete Bäume heran. Ich bin froh darüber, denn mit dem Wind ist es empfindlich kalt geworden. Als es dunkel wird, beginnen die Vier zur Gitarre zu singen. „Die Jungs sind wirklich mit Begeisterung bei der Sache. Wie auf einem Schülerausflug. Ich glaube die sind froh, mal aus der Caldeira wegzukommen. Hättest du gedacht, dass wir so schön gesungen kriegen? Das ist doch ein unvergessliches Erlebnis. Das ist das Highlight unseres Urlaubs“, meint Günter. „Schade nur, dass es so kalt ist. Gott sei Dank wärmt das Feuer wenigstens von vorne.“ „Pass bloß auf, dass deine Jacke nicht in Flammen aufgeht vom Funkenflug, wenn wieder Holz nachgelegt wird.“ Tarzam und sein Bruder können wirklich wunderbar singen und Gitarre spielen.

Eisig kalte Übernachtung in der Felsenhöhle

Abendliche Musikanten
Abendliche Musikanten

Trotzdem, gegen 20 Uhr meint Günter, „Weißt du was, ich halte das nicht mehr länger aus, so schön der Gesang auch ist. Ich bin so durchgefroren, ich bin richtig zittrig. Ich muss ins „Bett“, sonst hol ich mir den Tod.“ Ich wäre gerne noch etwas geblieben, aber auch mir ist saukalt. „Okay, dann gehen wir jetzt.“ Deshalb wird von Tarzan und Zeze schnell die Höhle für uns zum Schlafen vorbereitet. Für uns sind die Matten, der Rest schläft auf einer Decke. „Wie wir alle hier reinpassen sollen, ist mir schleierhaft. Ich weiß auch nicht, wie wir die Nacht in der Kälte überstehen sollen. Der Wind pfeift ja richtig in die Höhle rein. Trotz Matte ist es hart und saukalt. Das wird bestimmt eine Höllennacht, “ gebe ich zu Bedenken. Auch bei Günter ist die anfängliche Begeisterung über die Höhlennacht verflogen. „Ja, warum tun wir uns das an hier in einer Höhle zu schlafen. Kein normaler Mensch würde das machen. Ich will jetzt endlich Urlaub haben. Ich freue mich so darauf, die nächsten zwei Tage mal keine Wanderschuhe anziehen zu müssen. Und auf ein Zimmer mit heißer Dusche und Klo unten im Warmen in São Filipe.“Ja, Günter hat recht. warum tun wir uns das nur an. Kein normaler Mensch würde in einer Höhle schlafen und das auch noch als Urlaub betrachten. In einer Höhle, das ist ja noch viel schlimmer als auf unseren Expeditionen. Da haben wir wenigstens unser Zelt und einen Schlafsack, der warm genug ist. Vielleicht ist es bei schönem Wetter angenehmer, aber richtig warm kann es auf dieser Höhe nie sein. Ich mache mir wirklich Sorgen, wie das werden soll und auch Günter ist ziemlich wortkarg geworden. Durch den Nebel ist die Kleidung feucht geworden und die Socken in den Schuhen auch. Meine Füße sind eiskalt, so tue ich bestimmt kein Auge zu. Unbequem ist es auch, egal wie ich mich lege. „Komm bitte ganz dicht an mich heran, dass wenigstens mein Rücken warm wird.“ Als eine halbe Stunde später die Jungs kommen, muss ich eigentlich schon das erste Mal aufs Klo. Ich zögere es noch hinaus, aber dann geht es nicht mehr. „Pass bloß auf, dass du nicht abstürzt“, mahnt mich Günter.

Freitag, 29. November 2013: Bordeira (Südteil)

Bordeira-Kaffee

Überraschenderweise haben wir die Nacht in der Höhle doch überlebt. So gegen 6:30 Uhr verschwinden unsere Jungs zum Frühstückmachen. Ich mag überhaupt nicht aus dem Schlafsack raus, weil mir immer noch kalt ist und der Blick nach draußen nur eine dicke Nebelsuppe offenbart. Wie soll ich denn aufstehen, wenn ich jetzt schon kalte Füße habe?

Die ganze Nacht hatte ich gefroren. Nur der Teil war warm, der an Günter dran lag. So konnte ich mir aussuchen, ob ein kalter Rücken oder eine kalte Vorderseite angenehmer war. Die feuchten Füße wurden ebenfalls weder trocken noch warm. Gegen morgen wusste ich auch nicht mehr, wie ich liegen sollte. Beine, Hüfte, Rücken, alles tat weh. Für mich ist ja immer das Schlimmste, wenn ich nachts andere mit meinem Rumgewerke störe. Denn ich musste ja meine Brille aufsetzen, die Schuhe anziehen und auch noch die Tür frei räumen. Ein festgeklemmter Schlafsack sollte die Zugluft abhalten, was aber nur unzureichend funktioniert hatte. Aber unsere Jungs hatten so viel Rotwein intus, dass sie von mir vermutlich gar nichts mitbekommen haben. Es war erstaunlich: obwohl sechs Leute in dieser Höhle lagen, war es mucksmäuschenstill, kein Schnarcher unter uns.

Jetzt jedenfalls kann ich mich nicht überwinden aus dem Schlafsack rauszukriechen. Bis Zeze kommt, um uns zum Frühstück abzuholen. Also müssen wir uns dem Leben nun doch stellen. Aber wenn man erstmal in den Schuhen drin ist und oben alle Jacken anhat, lässt es sich sogar aushalten. Es prasselt auch schon wieder ein wärmendes Feuer vor der Felswand. Der Kaffee ist so schlecht, das heißt so plörrig, dass sogar ich ihn trinken kann. Einen Vorteil hat der Nebel ja: ich brauche zur Toilette nicht besonders weit zu laufen, um außer Sicht zu kommen. Auch sonst ist es einfach. In die Vulkanasche lässt sich mit dem Schuh mühelos ein Loch graben.

Zum Frühstück gibt es die Thunfisch Sandwichs von gestern und eine Art Zimtschnecken. Den hoch aufgeladenen Teller mit Cachupa lehnen wir allerdings ab, auch wenn es lieb gemeint ist. Zweimal Reis mit Hühnerbollen gestern Abend reicht uns. Überhaupt, obwohl die Jungs doch noch mehr gefroren haben müssen als wir, weil sie weder Unterlagen noch Schlafsäcke hatten, sind sie schon wieder bestens gelaunt. Besonders Tarzan und sein Bruder sind immer zu Späßen aufgelegt und posieren mit Hühnerbollen im Mund fürs Foto. Das Radio plärrt, es wird gelacht, während wir wie erstarrt da hocken und uns von der Bordeira wieder runter sehnen.

Feuerholzträger

Tarzan versteckt noch das Geschirr und das übrig gebliebene Wasser für spätere Gruppen unterhalb der Höhle, dann brechen wir gegen 9 Uhr gemeinsam auf. Man sieht die Hand vor Augen nicht, als wir schnellen Schrittes mit steifen, kalten Beinen hinter der Truppe her stolpern. Ich habe Angst, dass die Steine vom Tau glatt sind und wir im Klettersteig Probleme haben werden. Ich fühle mich unglücklich und würde am liebsten so schnell es geht nach unten steigen. Vielleicht sollten wir den Querabstieg wählen. Denn bei Nebel sieben Stunden über die Kämme zu laufen macht ja gar keinen Sinn. Ja, warum tun wir uns das nur an. Warum liege ich nicht unten an der Küste am Strand in der Sonne. Wie warm es dort bestimmt jetzt schon ist. So hadere ich mit mir und der Welt an sich.

Tarzan hat einen schnellen Schritt und das Gelände ist unangenehm rutschig. Verlaufen können wir uns aber nicht, wir müssen nur der Radiomusik durch den Nebel folgen. Aber nach einer halben Stunde trennen sich unsere Wege und die der Truppe. Ich bin richtig froh, wieder mit Zeze alleine zu laufen. Er gibt einen angenehmes Tempo vor und fragt immer wieder „Todo fisch- alles klar?“ Außerdem ist es schöner, wenn uns Stille umgibt. Denn auch Günter und ich reden nur wenig. Die Nebel haben sich seit der Trennung Gott sei Dank gelichtet.

Die Landschaft ist ganz anders als am Vortag. Wie gestern nach dem höchsten Punkt, laufen wir fast immer auf der sanften Caldera Rückseite über schwarze Ascheflanken. Die Vegetation könnte man fast als üppig bezeichnen. Die Natternköpfe bilden riesige Büsche aus. Mit den Euphorbien und verschiedenen blühenden Blumen gibt das einen tollen Kontrast zu dem schwarzen Sand. Solch eine Schönheit hebt die Stimmung gewaltig und auch, dass immer wieder die Sonne durchspitzt. Das Wetter ist eigentlich gar nicht mehr so schlecht. Gott sei Dank sind wir nicht voreilig abgestiegen.

Es dauert einige Zeit bis wir wieder auf Seile stoßen. Kurze Querungen oder Auf und Abstiege sind versichert. Dazwischen laufen wir ganz entspannt im leichten Auf und Ab über Ascheflanken oder auch geröllige Abschnitte. Bis wir uns einem Zackengrat in der Nähe des höchsten Punktes mit der Antenne nähern. Hier müssen wir noch einmal etwas ernsthafter Hand an den Fels legen. Ein daran anschließender steiler Felssporn ist mit einem Seil versehen, das letzte wie uns Zeze versichert. Günter hat schon auf den rutschigen Bändern entlang der Innenkante der Caldera vor dem Zackengrat gestöhnt. Ich weiß genau, was ihn umtreibt. Er hat sich den heutigen Tag als leichten Spaziergang vorgestellt und deshalb nerven ihn alle abschüssigen und versicherten Stellen. Als besonders schlimm empfindet er nun diese letzte Seilstelle. Deshalb schickt Zeze zur Abwechslung mich vor, um Günter zu motivieren.

Der höchste Punkt ist kalt und windig, so dass wir zu einer sandigen Abflachung weiter unten absteigen. Ich bin mittlerweile müde und freue mich richtig über die Rast. Die Thunfischbrote schmecken köstlich. Als auch noch die Sonne rauskommt sind wir hochzufrieden. Die ¾ Stunde Pause ist richtig erholsam. Nun sind es nur noch zwei Stunden, dann haben wir die komplette Bordeira überschritten. Alle Kletterpasssagen sind nun überwunden, nur noch schwarze Lavafelder liegen vor uns.

Als nach einer halben Stunde wieder Nebel aufziehen, schwindet meine Lust am Laufen rapide. Jetzt möchte ich nur noch ankommen, es reicht. Das letzte Stück zur Straße ist ein steiles Lavafeld, das man wieder einmal abfahren kann. Kaum haben wir an der Straße unsere Schuhe vom Lavagrus befreit, braust auch schon Mustafa heran. Er gratuliert uns zur Durchsteigung der Bordeira. Wir haben 3000 Höhenmeter und 34 Kilometer in zwei Tagen zurückgelegt. Das sind beeindruckende Zahlen. Davon waren 1260 Meter mit Seilen versichert. Wir waren übrigens die ganze Zeit in guten Händen. Mustafa hatte von uns unbemerkt stets Funkkontakt mit Zeze, ob mit uns da oben auch alles in Ordnung ist. Zeze hatte ihn beruhigt, wir seien ausreichend robust, um die Nacht zu überleben. Und wenn es heute ganz schlimm gekommen wäre, dann wäre er mit uns über die flache Außenseite in Richtung Küste abgestiegen.

Als wir von unserer Terrasse zur Bordeira hochblicken, schüttelt es uns bei der Vorstellung, dass wir ganz da oben 1000 Meter über dem Tal schottrige lose Bänder überquert haben. Unglaublich.

Zurück in Chã das Caldeiras

„Wusstest du eigentlich, dass es noch zwei Klettersteige von unten auf die Bordeira gibt? Der längere kommt bei der kleinen Höhle raus, an der wir am ersten Tag vorbeigekommen sind. Der kürzere in der tiefsten Einsattelung auf dem Südteil. Beide können miteinander zu einer Rundtour verbunden werden. Das würde ich gerne mal machen. Außerdem gibt es einen Klettersteig, der einmal rund um den Kraterrand führt. Ich glaube wir müssen wirklich noch einmal herkommen.“ Günter ist in seiner Begeisterung über die gelungene Tour kaum zu bremsen. Ich antworte, „Wenn wir tatsächlich noch mal wiederkommen sollten, dann will ich auf alle Fälle in den Krater absteigen, das muss Mustafa uns einfach ermöglichen. Und ich möchte wieder Zeze als Führer haben. Einen besseren, netteren gibt es nicht.“ „Wenn wir wieder zuhause sind, müssen wir unbedingt Milan von Mustafa erzählen. Das der hier ein richtiges Kletterparadies eingerichtet hat. Milan soll halt einmal hier Urlaub machen. Mustafa hat ja angeboten, dass er umsonst bei ihm wohnen kann.“ Mustafa hatte uns erzählt, dass Milan immer so eine Art Idol für ihn war, auch wenn er nur ein paar Jahre älter ist und dass er sich sehr freuen würde, ihn mal wieder zu treffen. „Ich finde es total verrückt, wie klein die Welt ist. Dass Mustafa auf Fogo Milan aus Erlangen kennt.“ Milan war früher ebenfalls ein begnadeter Kletterer in der Weltspitze. Heute arbeitet er beim Avalanche, unserem Outdoor Ausrüster in Erlangen.

Ich bin wirklich froh, wieder in der Zivilisation angekommen zu sein und nicht eine weitere Nacht in der Höhle verbringen zu müssen. Hier unten ist es schon kalt genug. Die Gipfel liegen zwar frei, aber düstere Wolken ziehen darüber hinweg. An den lang gezogenen Fahnen ist unschwer zu erkennen, dass dort oben der Wind wieder pfeift. Ich genieße es, nach dem Essen im Bett zu lesen und begleite Günter nicht zur Kooperative. Schließlich müssen wir morgen früh wieder um 6 Uhr frühstücken, um 6:30 Uhr mit dem Aluguer nach São Filipe runter zu fahren. Aber Günter ist nicht lange weg, die Kooperative hat nämlich am Freitagabend zu. So wurde es nichts mit Musikhören und Weintrinken.

Zuhause (Nachtrag)

Nachdem wir uns einigermaßen wieder im grauen, kalten Deutschland und in der Arbeit eingewöhnt haben, schicken wir Mustafa ein Bild von Zeze als Dank für die schöne Tour mit ihm auf den Pico und über die Bordeira. Wir erfahren, illustriert mit einem Bild, dass es in der Caldeira den ersten richtig heftigen Regenguss seit 34 Jahren gegeben hat. Spontan gab es ein Freudenfest. Wir freuen uns mit den Bewohnern der Caldeira. Hoffentlich hat es auf den anderen Inseln auch geregnet und die Bohnen und den Mais doch noch gedeihen lassen. Auch Jean schicken wir Bilder von unserer Wanderung und bekommen Weihnachtsgrüße mit einem Bild von ihm, Julia, den Kindern und allen Angestellten. Schellmanns veröffentlichen unsere Rückmeldung auf ihrer Home Page. Mit Petra und Rainer haben wir lange telefoniert und uns für eine Wandertour im Sommer am Tegernsee verabredet; Schorsch und Dodo sogar schon einen Besuch in Pfaffenhofen auf der Rückfahrt von Bad Wiessee abgestattet. Nach einer ersten Sichtung haben wir Ingrid und Peter Bilder von Fogo und dem Westen gezeigt, wo sie damals vor vier Jahren nicht waren. Sie waren gespannt, aber auch etwas besorgt, wie es uns gefallen hat, haben sie uns doch die Kapverden schmackhaft gemacht.

Allen diesen Begegnungen und Mails ist eines gemein: sie sind getragen von einer gemeinsamen Begeisterung und Verbundenheit für die Kapverden. Selten hatten wir einen so starken Wunsch zurückzukehren. Mit ihrer ganz besonderen Atmosphäre, ihrer abwechselungsreichen Natur und ihren gastfreundlichen, beeindruckenden Menschen, die ihr hartes Leben mit Lebensfreude und in Würde leben, haben uns die Kapverden regelrecht gefangen genommen. Selten hatten wir uns irgendwo so wohl gefühlt. Mustafa, Sabine, Jean, sie alle haben diesen Urlaub für uns zu einem ganz besonderen gemacht. Für sie alle geht das Leben dort weiter mit neuen Gästen, wir dagegen sind in unseren Erinnerungen verfangen. Tagein tagaus spielen wir die CDs von Cordas del Sol, von Bob und Lura und werden sie einfach nicht leid. Nichts kann so gut das Lebensgefühl der Menschen dort ausdrücken wie die teils melancholische, teils fröhlich melodische Musik.

Resümee : Sodade

Sodade - Sehnsucht - schon ist es da, dieses Gefühl, diese Sehnsucht wieder zurückkehren zu wollen. Es ist schneller gekommen, als erwartet. Schon erscheint uns der Urlaub in einem verklärten Licht. Vergessen sind alle Widrigkeiten.

Was könnte daher besser als Schlusswort passen, als das Lied von Cesaria Evora:

Sodade(Sehnsucht)

Wer zeigt dir diesen langen Weg?
Diesen Weg nach Sao Tome

Sodade, Sodade, Sodade
nach meiner Insel Sao Nicolau

Wenn du mir schreibst schreibe ich dir.
Wenn du mich vergisst vergesse ich dich.

Bis zu dem Tag an dem du wiederkommst.

Sodade, Sodade, Sodade (Sehnsucht)
nach meiner Insel Sao Nicolau.

 

2 Tage Auf der Bordeira (Baustein F03) Ihr persönliches Angebot