KapverdenKapverden - Persönliche Eindrücke FogoCabo Verde
Pico die Fogo - 3000 m über dem Meer

Frühstück um 5.30 Uhr

Um 5:30 bringt uns Mamma das Frühstück. Im Schein der Petroleumlampe haben wir so früh am Morgen noch keinen allzu grossen Hunger auf Bratkartoffeln mit Ziegenkäse. So essen wir nur die etwas trockenen Wecken und trinken den leckeren Kaffee, der mit auf die Beine hilft. Cicilio kommt gut gelaunt dazu, versichert sich, dass wir genügend Wasser dabei haben und wie abgemacht brechen wir um 6:00 auf.

Draussen ist es dunkel und kühl, gerade mal so 5 Grad. Die absolute Stille wird nur durch kurzes Hundegebell und in Antwort darauf Gockelgekrähe unterbrochen. Das ganze Dorf scheint noch im Tiefschlaf versunken zu sein. An der Kirche biegen wir auf den Feldweg ein, der zu den Weinfeldern und zum Aufstieg führt. Die Sonne geht auf der anderen Seite des Pico auf, so dass wir im Schatten gehen können.

Hier kommen wir zügig vorwärts und schon nach kurzer Zeit gelangen wir zum Beginn des Anstiegs. Es gibt keinen markierten Weg, nur einen offensichtlich des öfteren begangenen Pfad, der sich jedoch später verliert. Aber Cicilio kennt den Weg, schon oft hat er Touristen auf den Vulkan geführt.

Aufstieg mit Cicilio

Die aufgehende Sonne wirft den   langen Schatten des Pico auf die nordöstliche Seite der Caldeira. Dezember 1999, ca. 7.00h morgens. ©kapverde.at Langsam wird es heller und während wir bergan steigen, immer den Tritten Cicilios folgend eröffnen sich uns ständig neue Eindrücke und Aussichten. Links von uns das dichte Wolkenmeer über Mosteiros, rechts und um uns herum die Lavaasche, Lapilli, Schuttfelder, Schlacke und z.T. erodierte Lava hinter uns die steile Rückwand der Caldeira und unter uns das immer kleiner werdende Dorf. Die Rückwand ist der stehengebliebene Kesselmantel des Ur - Picos, welche den Boden der Caldeira um 1000 m überragt.

Unter den Wolken, und nochmals 1.600 m tiefer liegt die Küste von Mosteiros. Aufgenommen mitten im Aufstieg zum Pico. ©kapverde.at Wir schauen in und über ältere, kleinere Nebenkrater und sehen an der sich mit dem Sonnenstand ständig verfärbenden Kraterwand den Schatten des Pico, der noch 100 m höher als die Kraterwand ist. Die Szenerie könnte einem sience fiction Film entstammen, real und unwirklich zugleich. Da Gerhard nicht schwindelfrei ist und wir mittlerweile schon beträchtlich an Höhe gewonnen haben geht er direkt hinter Cicilio. Überhaupt achtet unser Führer bestens auf uns. Schon beim leisesten Rutschgeräusch unserer Schuhe schaut er sofort nach hinten. Es scheint, dass er die Augen nach vorne und die Ohren bei uns hinten hat. Stets passt er das Tempo unserer Geschwindigkeit an, zeigt an, wo der sicherste Weg und der beste Halt ist. Alles wirkt ganz selbstverständlich bei ihm.

Zwischen den Steinen auf denen das Ansteigen besser geht müssen wir immer wieder kurze Stücke auf rutschiger Lavaasche gehen. Das ist ein Gefühl von ein Schritt vor und zwei zurück Der Schatten des Pico wird kleiner und wir stellen Wetten an. Wer ist erster auf dem Gipfel, wir oder die Sonne.

Der letzte Teil wird zur alpinen Tour. Cicilio hat nun die Hände aus den Hosentaschen genommen und klettert uns voran, während wir bereits auf allen Vieren sind. Fast hätten wir gewonnen. Nur 5 Minuten vor uns kam die Sonne oben am Krater an. Die Luft wird merklich dünner und wir sind froh, oben zu sein.

Auf dem Gipfel der Kapverden

Der Blick ist grandios. Unter uns am Kraterboden steigen kleine Rauchschwaden auf. Die Führer haben ihre Namen mit kleinen Steinen dort gelegt, die Innenwände sind verschieden gefärbt und immer noch hält uns geheimnisvolle absolute Stille umfangen. In der Ferne sehen wir Santiago, von einem Wolkenschal umhüllt. Es fällt schwer Worte zu finden für diese unbeschreiblichen Eindrücke. Wir sitzen einfach nur da und nehmen mit allen Sinnen auf. Stolz und glücklich, dass wir den anstrengenden Aufstieg geschafft haben und ausserordentlich zufrieden, weil sich die Mühe so sehr gelohnt hat.

Schiii foahrn! - in Wanderstiefeln

Nach einer Pause durchqueren wir an der innneren Kraterwand den Kessel und gelangen so auf die andere Seite zum Abstieg. Mit Blick zum kleinen Pico, der Erruption von 1995 beginnt unser Weg über die Aschefelder. Was wir vorher erklommen haben an Höhenmetern schlittern und rennen wir nun bergab.

Lange Staubfahnen hinter uns herziehend füllen sich die Schuhe mit Lavaasche. Cicilio hüpft wie ein Känguruh den Berg hinab und ist in Kürze unten. Gerhard rennt begeistert hinterher und ich denke nur, da komm ich nie mehr an. Die Kraft in den Beinen lässt nach und zweimal falle ich einfach um. Aber es ist fast wie im Schnee, der Fall ist weich und anstatt nass werde ich hier nur staubig.

Endlich bin auch ich am Treffpunkt angelangt. Wir haben die Erleuchtung warum Cicilios Turnschuhe vorne an den Zehen offen sind, als wir unsere Schuhe ausleeren und massenweise Lavaasche rauskommt. Sie haben diese Vorrichtung gleich als Ausschüttung dabei, so geht alles was irgendwie in den Schuh gelangt auch schnellstens von alleine wieder raus. Auf Nachfrage lacht er, die Idee sei gut, aber in Wirklichkeit gehen hier halt Schuhe so schnell kaputt, dass sie alle wirklich bis ganz zum Ende aufgelaufen werden, bevor es neue Schuhe gibt.

Der kleine Pico

Die Luft riecht zunehmend mehr nach Schwefel, als wir den kleinen Pico überqueren. Mir nimmt es fast den Atem, so stinkt es hier. Cicilio strahlt, er hat Feuer entdeckt und demonstriert uns mit kleinen Schwefelsteinen, wie schnell das alles zusammenschmilzt. Auf kleine Erdspalten in denen das Feuer lodert legt er die Steine und schon wird vorstellbar wie Lava aussieht und ins Fliessen kommt. Diese Naturgewalten sind unwahrscheinlich beeindruckend. Zu spüren, dass wir hier im Grunde nur eine mehr oder minder dicke Erdschicht vom Feuer getrennt sind, lässt der Phantasie freien Lauf...

Dank unseres Führers Cecilio sind wir beim Abstieg diese Menschenfall entgangen. Im rechten Bildteil kann man noch unsere Abstiegsspuren sehen.©kapverde.at Als wir nach oben schauen, ist klar warum auch hier ein Führer wichtig ist. Steil geht hier der kleine Krater in die Tiefe. Wer da von oben kommend reinrutscht kommt sich wahrscheinlich vor, wie die Ameisen, die in den Krater des Ameisenfängers fallen. Auf alle Zeiten verloren und verschwunden. Schon beim hochschauen taucht in mir dieses Bild auf.

Wir gehen zurück Richtung Dorf. Während wir alles Wasser verbraucht haben, reichte Cicilio ein kleiner Schluck oben auf dem Gipfel. Langsam wird es etwas grüner und wir passieren erste Agaven und schliesslich Bohnenfelder. Staubig, müde aber angefüllt mit grossartigen Eindrücken und bleibendem Erlebnis erreichen wir die Kooperative.

Sonnntag Nachmittag in der Kooperative

Livemusik im Genossenschaftsladen am Samstag nachmittag. ©kapverde.at Hier ist schon wieder Musik, Gesang und Tanz in vollster Lautstärke. Es scheint, als ob alle den Sonntag ganz ausgiebig feiern. Bis auf die recht streitbare ältere Frau, die unbedingt am einzigsten Telefon des Ortes ( es steht auf dem Tresen ) ihr Gespräch führen möchte scheint sich hier jeder in der Musik wieder zu finden und gibt sich voll hinein. Das Problem wird gelöst, indem sie nach draussen verfrachtet und die Tür hinter ihr und dem Telefon geschlossen wird. Lastwagen und Pickups mit Ausflüglern aus den anderen Gemeinden stehen auf dem Platz. Wir sind heute die einzigen Touristen hier.

Nach einer Cola machen wir uns auf den Weg zu Mamma. Sie hat ein zweites Frühstück für uns vorbereitet. Wieder gibt es Ziege, Kartoffeln, Nudeln mit Bohnen und Kaffee. Die Waschschüssel wird in den kleinen Innenhof gestellt und während uns Lola neugierig betrachtet, gelingt es uns, uns so einigermassen vom Staub zu befreien. Danach schlafen wir erst mal ein paar Stunden.

Am späten Nachmittag lassen wir dann bei einem Glas Fogo - Wein vor der Kooperative den Tag ausklingen. Der Pico leuchtet, von der Abendsonne angestrahlt. Eindrucksvoll wächst der Kegel auf dem Boden der Caldeira hoch in den Himmel, ein Meisterwerk der Natur. Wir gehen zum Abendessen und zur nächsten Runde Ziege und natürlich zu Lola zurück. Sie hat schon gewartet und kann vom Spiel wieder kaum genug bekommen. Mamma muss arbeiten. Das Leben ist hart und mühsam für die Frauen, da bleibt keine Zeit mit den Kindern zu spielen.

Gemütlicher Abend mit Danilo und Mamma

Es wird dunkel und der Sternenhimmel breitet sich wieder wie ein riesiges Zelt über uns aus. Schade, dass wir nichts von Astronomie verstehen. So bleibt uns halt die simple Bewunderung und das Staunen über die klare Sternennacht und die unzählig funkelnden Lichter am Himmel.

Der heutige Abend vergeht wieder wie im Flug. Danilo verrät uns sein absolutes Lieblingsdessert: Ein Schluck Kaffee mit sahniger Milch und dazu ein Ziegenkäsescheibchen: ein Genuss. Danilo und Mamma lachen bei unserem anfänglichen Zögern. Beide strahlen, als wir nach dem Probieren erstaunt und in Folge überzeugt vom leckeren Geschmack dieser ungewöhnlichen Kombination sind.

Wir unterhalten uns auf portugiesich - französisch - creolisch. Irgendwie gelingt es uns, uns gegenseitig zu verstehen. Ein Italiener hat sich den Winzern hier angenommen und es soll nun über die Kooperative ein besserer Wein produziert werden, der ein offizielles Etikett und einen Verschluss mit Banderole bekommt. Rot - weiss und rose ist auf dem Markt. Bislang waren sie nur Hersteller und Verbraucher in einem. Aber damit soll es anders werden und der Wein auch ausserhalb der Caldeira Interessenten und Käufer finden.

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Zähigkeit sich die Menschen hier erhalten. Beharrlichkeit und Härte hier zu bleiben, zu überleben und das Beste drauss zu machen scheinen die grössten Tugenden hier zu sein. Auf meine Frage, warum denn Cicilio französisch gelernt hat statt englisch, obwohl vier seiner 22 Geschwister in Boston leben, meint er: "Ganz einfach, es gab nur ein Lexikon portugiesisch - französisch". Weil er dazu eh keine Schule hätte besuchen können, hat er sich das halt mit dem Lexikon alles selber beigebracht. Die Touristen können öfters französisch. Daher kann er einerseits viele Führungen bekommen und andrerseits seinen Wortschatz erweitern. Einfach genial. Wir hatten noch einen Pons Sprachreiseführer dabei, den wir ihm daraufhin schenkten. Vielleicht begrüßt er sie inzwischen schon auf Deutsch.

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Reiseberichte (Erlebt, photographiert & dokumentiert von Sibylle & Gerhard)
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Deutschland, Mai 1999 - Ostern 2000 © ReiseTräume