KapverdenCabo Verde - Várias VozesCabo Verde
Verloren in der Ferne

Orginal in DIE ZEIT Nr. 18 vom 2002.04.25.
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von: © Anne-Felicitas Görtz (Autorin) / Ruth Viebrock (DIE ZEIT)

DIE ZEIT


Reisen 18/2002

Verloren in der Ferne

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Wie eine zerrissene Halskette liegen die Kapverden im Atlantik. Inseln von widerspenstiger Schönheit. Sie sind arm, nur Steine gibt es im Überfluss. Die Menschen sind unterwegs von Traum zu Traum

von Anne-Felicitas Görtz

Wenn man den alten Julinho fragte, wann er geboren sei, legte er für einen Moment die Hand an die Hutkrempe, als müsse er eine amtliche Aussage machen, und sagte dann: in der Hungerkrise. »Sim, senhor, na crisi di fomi!« Bei dem Wort senhor sah er zum Himmel auf, denn der Herr da oben würde schon wissen, welche Hungerkrise er meinte, hatte er doch aus Gründen, die kein einfaches Menschenhirn mehr verstehen konnte, so viele Jahre der Dürre über das Land geschickt.

Im vergangenen Jahrhundert gab es in Kap Verde sieben Hungerkrisen. Also nahm man einen Stock und zeichnete Julinhos Leben in den Sand, das hieß: die Ereignisse, an die er sich erinnerte, und versuchte, die Kästchen in eine zeitliche Folge zu setzen. Aber welche Größe hatten diese Lebenskästchen? Die Jahre der Plantagenarbeit auf der portugiesischen Kakaoinsel São Tomé, das Fortgehen und Zurückkommen und aus Not gleich wieder Fortgehen zog sich wie ein riesiger Schiffsrumpf über die Kästchen der anderen Begebenheiten, die darin nur Zimmerchen waren: Heirat, Geburt und Sterben der Kinder, die Pacht eines kleinen Stückchen Landes, ein Regenjahr, das das Land wieder wegschwemmte, und der Bau eines gemauerten Hauses. Aber als alles aufgezählt war wie eine Reihung vergeblicher Mühen, stand Julinho auf und wischte diese kleinen Kästchen aus dem Bauch des großen wieder weg und malte sie parallel dazu in den Sand, als wolle er aus der Zeitspanne von Not und Fremdarbeit unbedingt sein eigenes Leben herausnehmen. Und von diesem Gesonderten ging er nun aus und malte und malte und unterstrich mit einem Gläschen grogue in der Hand die Einmaligkeit winziger Geschehnisse und deutete auf jenen Balken, der wie als Abschluss des unstimmigen Gebildes für das Jahr 1975 und die Unabhängigkeit stand. Und dann war es wahrscheinlich Julinhos untergründigem Spott zu verdanken, dass er für die 15 Jahre staatlich geförderter Kooperativen, die auf die Unabhängigkeit folgten, einen Tisch zeichnen wollte, auf dem immerhin etwas zu essen stand, aber je kunstvoller er zeichnete, desto mehr glich der Tisch einem Esel. Da lachte sich Julinho halb kaputt, denn Esel liebte er. Die Kästchen im Sand waren in der Gegenwart angekommen und bescheinigten ihm ein Alter von fast 80 Jahren. Jetzt wollte er niemandem mehr dienen.

Julinho lebt nicht mehr. Die 20 Hektar Land im Inneren der Insel Santiago sind zerstückelt oder liegen brach. Noch immer schickt der senhor so wenig Regen über das Land, als wolle er in den Seelen der Menschen lediglich das Pflänzchen Hoffnung nähren, nicht aber die Saat im Boden. Die zehn bewohnten Inseln und acht Inselchen von Kap Verde teilen sich so erwartungsvoll in die Lagen »über und unter dem Wind«, dass man gar nicht glauben kann, dass dieser die Wolken immer über sie hinwegbläst. Nur 25 Prozent der Nahrungsmittel, die Kap Verde braucht, können die Menschen aus den aufwändig bewässerten Tälern holen oder aus all den abgesteckten Fleckchen, die an den Steilhängen kleben. Tadellos geschichtete Steine zeigen dort die Einfriedung auch des kleinsten Feldes. All diese Liebe zu den Steinen - die Befestigungen, Mauern, Wege, Häuser, Brunnen, Feuerstellen als Zeugnisse einer unermüdlichen Arbeit, die am Ende immer wieder an ihren Anfang zurückgeht, weil Steine sich bewegen, weil sie rutschen, die Erde unter ihnen einbricht, weil sie von Mensch und Tier und Lastwagen wieder weggestoßen werden. Die Steine sind Kap Verdes zu verschleudernder Überfluss: Granit, Basalt und unter jedem Schritt ein Kieselstein. »Wenn man sie doch kauen könnte!«, sagen die Leute auf dem Land. 46 Prozent von ihnen leben unterhalb der Armutsgrenze.

Die Passion gilt dem, was nicht ist

An der Küste stehen noch manchmal die Frauen mit den Füßen in der Brandung und sammeln den Kies. Sie tragen ihn in Blecheimern aus dem Meer und sortieren die Steine am Strand nach Größen. Man kann diese Häufchen schon von weitem sehen, als seien es Zeichen für geheime Landungen aus dem All oder kultische Terrains, aber sie warten nur auf den Lastwagen, der sie abtransportiert, denn sie dienen als Baumaterial. Das Sammeln und Verkaufen dieser Steine ist seit kurzem verboten, zu stark wurde das Ufer abgetragen. Nun sammeln die Frauen ein bisschen weniger und heimlich, denn irgendetwas müssen sie verkaufen. Ein Stück weiter oben, unter den Akazien, wohnt die varrerinha, die große Fegerin. Sie fegt mit ehemals rosaroten Borsten den Kies zusammen, den der Wind vom Strand hierher trägt - wer könnte da etwas sagen? 20 Liter fasst ihr Plastikkanister. Den Inhalt verkauft sie für 50 Escudos. Das ist der Preis für einen Liter Mais oder ein halbes Kilo Sardinen, wenn die Fischfrau vorbeikommt und im Schatten des Brotfruchtbaumes ihre Schüssel absetzt, um ein Schwätzchen zu halten.

Inmitten der ausgebrannten Erde ist hier so etwas wie ein Park entstanden, in den aus weit entfernten Häusern die Perlhühner getippelt kommen. Und ein Vogel lässt sich nieder, in der kargen Fauna von so großer Seltenheit, dass die Kapverdier ihn nur pasarinha nennen, den Vogel schlechthin. Es ist der Eisvogel mit leuchtend blauen Schwingen, als trage er die Farbe des Meeres mit sich. Das Meer zeigt an den Klippen eine so klare Tiefe, dass man gar nicht denken könnte, es berge ein Geheimnis. Aber da ist ja noch die Weite, auf die die Besenfrau voll Ehrfurcht deutet. In den unruhigen Wellen sind viele Fischerboote verschwunden, seitdem sie hier Ausschau hält, und in ihrer Jugend tauchten in die Linie am Horizont all die großen Schiffe, die mit Strömen von Emigranten beladen waren, immer nur hinein und kehrten nie zurück. Wie könnte man sich da je mit dem Meer befreunden!

Die Inseln, die in der Formation einer zerrissenen Halskette im Atlantik liegen, tragen die Trennung und Verstreuung in ihrer Geschichte. Von den Portugiesen vor dem grünen Kap Afrikas zu keinem anderen Zweck als dem Sklavenhandel besiedelt, konnte sich in der Mischung der Menschen kaum eine Nationalität festigen. Die kargen Lebensbedingungen und die völlige Vernachlässigung durch das Mutterland nach dem Verbot des Menschenverkaufes ließ die Kapverdier mit jedem Kohleschiff, das vorbeikam, die Flucht ergreifen. Das Schicksal der Emigration lastet bis heute auf den Inseln. Doppelt so viel Kapverdier, wie der Staat Einwohner hat, leben im Ausland. Auf ihre Hilfe ist das Land angewiesen. Es wird seit Jahrzehnten gepäppelt von den Onkeln und Tanten, Brüdern und entferntesten Cousinen, die in Boston, Rotterdam oder Hamburg jeden Monat ein paar Scheine auf die Post tragen, die hier am Tresen der Nationalbank wieder abzuholen sind.

Die Diaspora birgt ein Paradoxon: Erst in der Ferne ergreift die Kapverdier ein tiefes Gefühl der Verbundenheit, als könnten sie die Liebe zu ihrer Heimat nur dort finden, als sei die Trennung erst die Voraussetzung für eine nationale Identität. Denn wer auf den Inseln bleibt, hat zu ihnen eher ein strenges als ein euphorisches Verhältnis, und stärker als an der Gemeinschaft halten die Menschen an sich allein fest. Die Passion gilt dem, was nicht da ist. Das Fortgehen, jene einsame Angelegenheit, deren Seelenzustand des Hoffens und der Sehnsucht in die ergreifenden Mornas floss, die zu beiden Seiten des Meeres gesungen wurden, war der Lebensschmerz einer nun verschwindenden Generation. Für die Jungen ist die Emigration ein Initiationsritual, dem sie sich nicht ungern aussetzen: Es ist die Reise zu einem Verwandten, der einem schon weiterhelfen wird. Von der verzweifelten Wahllosigkeit, die das Trauma ihrer Vorfahren war, tragen sie nur noch das Symptom. Auch ihre Musik hat sich längst von der nationalen tristeza abgekoppelt und sich mit dem afrikanischen Kontinent und der Weltmusik vermischt. Haben sie nun mehr Chancen?

Mädchen in gestärkten Blusen

Joaquinho schmeißt ein Lädchen am Eingang eines kleinen Fischerdorfes. Auf den Wandbrettern und wackligen Stellagen finden sich zwei CDs, ein paar Dosen Tunfisch, Margarine, Nudeln aus Portugal, Öl, zwei Flaschen Wein, Streichhölzer. Aspirintabletten werden einzeln verkauft. In Säcken die Lebensmittel, die immer noch über die Vereinten Nationen ins Land kommen, jene Grundnahrung an Mais und Reis, die der Staat an die Läden verkauft, um mit dem Erlös den Minimallohn für ein Arbeitsprogramm zu sichern, in dem sehr arme Leute die Straßen ausbessern.

Außer Joaquinho findet man am Vormittag keinen jungen Mann hier. Es sind nur Frauen, alte wie junge, die zu beiden Seiten der Hauptstraße das Putzwasser in hohem Bogen aus der Haustür in den Staub gießen und die Wäsche auf den Steinen auslegen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in solchen Dörfern bei 70 Prozent. Die 40&xnbsp;000 Schüler, die allein die Sekundarstufe besuchen, sind allgegenwärtig: In den grünen Schuluniformen sieht man sie in Schwärmen die Hänge herunterhüpfen, Mädchen in Faltenröcken und gestärkten Blusen, Jungens mit gebügelten Hosen und gewichtigen Mappen unter dem Arm, und wenn sie im Bus sitzen, wischen sie alle den Staub von ihren Schuhen, damit sie blitzblank im Lyzeum ankommen. Aber sie finden kaum einen Ausbildungsplatz, wenn sie mit der Schule fertig sind, und nur die wenigstens haben das Glück, ein Staatsstipendium zu bekommen, um im Ausland zu studieren. Joaquinhos Altersgenossen fahren frühmorgens, wenn die Sammeltaxen oben die Straße passieren, ins nächstgrößere Dorf. Dort hängen sie in Ausschänken oder am Markt herum, auf jenen Zufall wartend, der sie schlagartig reich macht und den sie aus dem dudelnden Transistorradio zu erfahren hoffen.

Zum Markt kommen die Mädchen aus der Umgebung, die stillen, die scheu eine Pyramide Äpfel zum Verkauf stapeln, und die anderen, die selbst die Käufer spielen, die Arm in Arm die Taschenspiegel drehen, in turmhohe chinesische Sandalen schlüpfen und die Köpfe kichernd über die Strohhalme ihrer Cola-Flaschen beugen. In Kap Verde sind 61 Prozent der Bevölkerung unter 24 Jahre alt, und ähnlich den Regengüssen, die sich über die erosionsgeschädigten Täler sofort ins Meer ergießen, hat diese Jugend wenig Bodenhaftung.

Anders die Marktfrauen. Schwarz gekleidet wie Witwen, den gewebten Schal, den pano, der unzählige Kinder am Körper hielt, um den Bauch geschnürt, als sei er ein Werkzeug, ohne das man das Haus nicht verlässt, scheinen sie wie Hüterinnen des Minimalen. Sie verkaufen den Fisch, den Kohlkopf, die Süßkartoffel, als hätten sie diese Produkte selbst auf die Welt gebracht, so nahe sind sie ihnen. In einer früh gelernten Sorgfalt hegen sie im Umgang mit den einfachsten Gegenständen einen Wert von Arbeit und Erfindungsgeist, der sie mit Stolz erfüllt und den Betrachter in tiefe Kontemplation versetzt. Das Packen und Schnüren, das Umpacken und neu Verstauen, das Zählen und Kontrollieren, ob Dinge immer noch an ihrem Ort sind, die exakte zeitliche Einschätzung, wie lange ein Vorgang dauern wird, all das gibt Einblicke in einen Arbeitsprozess, wie er in unserem Teil der Welt nicht mehr oft zu sehen ist. All die Wannen, Körbe, Eimer, Schachteln und Kanister - geflickt, genäht, gefaltet, gebogen -, nichts wird aufgegeben. Aber schon fährt scharf an den Marktständen entlang das ein oder andere zu große Auto, mit dem die Emigranten sich gern auf Heimaturlaub sehen lassen, ratscht hier einen Schemel um, bringt dort ein Mädchen mit einer Kopflast zum Wanken und ist den torkelnden Eckenstehern ein lebensgefährlicher Drache.

Wo immer ein Markt ist, klettern aus den Autos hier und da auch Touristen, ohne dass sie weiter beachtet würden. Für die Kapverdier, an Hunderte von hellhäutigen Ausländern gewöhnt, die in Hilfs- oder Partnerprojekten arbeiten, sind Touristen einfach eine weitere Mutation von Kooperanten: Auch sie bringen Geld.

Santa Maria ist ein Surferparadies

Aus der exklusiven Verschiedenheit der Inseln entwickelt der Staat seit einigen Jahren die Idee der touristischen Ressource. Wie das Tourismusgeschäft aussieht, ist den Kapverdiern nicht fremd. Sie kennen es aus den Ländern der Emigration oder haben über die Nabelschnur zu den brasilianischen telenovelas täglich Einblicke in das Treiben an der Copacabana. Aber für Kap Verde? »Zu arm«, sagen Kenner der infrastrukturellen Lage. »Gott sei Dank zu arm«, sagen die, die es für sich behalten wollen. »Ausbauen«, sagen politische Strategen. »Ausbildungsprogramme«, verordnen die entwicklungspolitischen Berater. Nein, am Anfang steht Kap Verde nicht mehr. Der Boom läuft schon seit zehn Jahren. Die Gewässer am Südstrand der Insel Sal kommen für passionierte Surfer gleich nach der Küste von Hawaii. Auf dem Flughafen von Sal, wo früher bei der Zwischenlandung der South African Airlines der Kapitän nervös aus der Kanzel kletterte, wenn man Anstalten machte auszusteigen, verlassen heute 70 Passagiere die Boeing. Für die meisten heißt das Ziel Santa Maria. Hier ist ein Surferparadies entstanden, so ausschließlich konzentriert auf Körper und Bewegung, dass es von den Einheimischen neidlos betrachtet wird. Sie sehen das für sich als ein Arbeitseinkommen, Besitzer der Anlagen sind sie sowieso nicht.

Abseits von den touristischen Enklaven, wie sie auf verschiedenen Inseln zu finden sind, ist Kap Verde nicht bequem. Die Sammeltaxen sausen durch Landschaften von harscher, widerspenstiger Schönheit. Wenn sich am Fuße der Berge Buchten auftun, weiß man noch lange nicht, wie man zu ihnen hinkommt. Man muss es den Menschen hier und ihrer Ruhelosigkeit gleichtun und sich jeden Ort erst erobern und nie mit der Absicht, dort ewig zu bleiben. Denn die Menschen sind immer unterwegs, transportieren und organisieren, bauen auf und ab und können im Heute nur schwer das Morgen planen. In verlassener Berglandschaft steigen sie aus dem Bus, ohne dass man eine Ahnung hätte, wohin sie gehen, denn so weit das Auge reicht, ist keine Behausung zu sehen. Sie verlieren sich in einer Ferne, die für die Inseln fast zu groß ist, als verschwänden sie darin ein für alle Mal. Deshalb ist jede Einladung kostbar wie auch jedes Gespräch, weil es flüchtig ist, voller Herzlichkeit, voller Hilfsbereitschaft, und wenn Gott es will, begegnen wir uns wieder.

So wie die einzelnen Inseln sich unterscheiden in Gebirge und Dünen, in Lavastein und weißen Sand, so gibt es eine unsichtbare Linie zwischen den Nord- und Südinseln.

Weltläufigkeit heißt für die Kapverdier die Orientierung nach Europa. Und wer in den Verdacht kommt, dem afrikanischen Kontinent näher zu sein, der sich, mit der Stadt Dakar nur 600 Kilometer entfernt, gewissermaßen schon an der Haustür zeigt, wird mit etwas Herablassung behandelt. Santiago, die erstbesiedelte und »afrikanischste« der Inseln, wird von denen, die sich, im Norden liegend, Europa zugehörig fühlen, als kulturell leicht defizitär beargwöhnt. In dieser Spannung konkurrieren die zwei größten Städte miteinander und könnten kaum unterschiedlicher sein. Die Hauptstadt Praia, im Wildwuchs groß geworden wie ein verstoßenes Kind, und die Hafenstadt Mindelo auf der Insel São Vicente. Aber wie Mindelo daliegt: in eine Bucht geschmiegt von strahlendem Blau, mit dem reflektierenden Licht an den Fassaden restaurierter Kolonialhäuser und mit dem Hafen vor sich, als sei dieser ausschließlich zu seiner Zerstreuung dorthin gebaut, ein Fenster zur Welt, nicht zu groß, sodass kein Sturm sich darin verfangen kann. Mindelo lässt Praia ganz links liegen, was ist der Regierungssitz gegen jenen Versuch des Savoir-vivre, dem sich das Städtchen verschrieben hat? Hier leben, lieben und debattieren die Dichter, die Künstler und politischen Philosophen, in seltener Anbindung zu den expandierenden Handelshäusern und Banken, und wenn sie gestorben sind, sind ihnen Denkmäler gewiss, Tafeln an den Hauswänden oder eine Straße tragen ihren vollen Namen von der Länge eines Bandwurms. Mindelo hat Logenplätze der kapverdischen Kultur, eine Orientierung nach Lissabon und Paris, die Tradition ist, und kann in der Mischung mit jenen eigenen Wurzeln, die sich dieser Aufgeschlossenheit nicht widersetzen, die kleinen Gassen mit dem Geist urbanen Lebens erfüllen. Aber das Verdrängte behauptet gleich dahinter seinen Platz. Die Heiterkeit des Städtchens hört in der zweiten und dritten Reihe auf, wo die Gründe für die Hoffnungslosigkeit sich alle gleichen, denn in den Hinterhöfen des Lombo, wo ein Fisch durch sieben Personen geteilt wird, kann nicht jeder ein Dichter sein. Wie ist da eine Brücke zu schlagen? In Mindelo ist das keine politische, sondern eine intellektuelle Frage.

Alle sind scharf auf Langusten

Am Kai bei den Fischerbooten geht es Manuel gut. Er ist 28 Jahre alt und gesund, wie er sagt. Das Wort wiederholt er noch einmal mit Nachdruck. Auch er hat den Tourismus im Blick. Mit dem, was sich hier so entwickelt, kennt er sich aus. Er deutet über die Straße zur offenen Tür des Clube nautico, wo sich ein Grüppchen Franzosen versammelt hat. Wenn die Segler an Land gehen, wollen sie auf die Kürze etwas erleben. Dafür gibt es zwei Kategorien: Die erste fasst man unter dem Wort »Diskothek« zusammen, hier macht er eine flatternde Handbewegung, und die zweite unter »Langusten«. Alle seien scharf auf Langusten. So viele Langusten gingen in die Hotels, dass es jetzt für manche Inseln ein Fangverbot gebe. Kap Verde ist reich, sagt er, man muss nur eine Idee haben, dann kann man hier zufrieden leben. Mehr als ein Paar Schuhe kannst du nicht anziehen oder? Eine Ausbildung im Tourismus, wie sie der Staat jetzt anbiete? Was sollte das denn sein? Er kennt jeden Fischer hier, jede Bananenverkäuferin, jeden Schankwirt. Wozu brauche er da den Staat? Die Franzosen rufen und winken ihm mit EscudoScheinen. Sie wollen, dass er sie jetzt auf den Markt begleitet. Manuel steht auf und überquert gelassen die Straße, als könne ihm nichts die Schönheit dieses Ortes und seine Lebensfreude nehmen. Für ihn ist es nur ein Katzensprung, bis er im Tourismus der Chef ist. Die Fischer am Steg lachen, aber sie meinen es nicht böse. »Sonho por sonho«, sagen sie, Traum für Traum.

Mindelo ist mit der Nachbarinsel eng verbunden. Jeden Tag fährt das Schiff, aber die einstündige Fahrt verlangt den Passagieren einiges ab. Die Kapverdier sind keine Seefahrer. Trotzdem steuern sie tapfer Santo Antão an, denn die Insel hat, was fast allen anderen Inseln fehlt: grüne Täler. In ihnen wiegen sich die gefiederten Kronen der Kokospalmen, und das Zuckerrohr steht weit die Hänge hinauf. Von dort kommt der berühmte grogue, so kostbar, dass der Verschluss jeder Plastikgallone mit einem Stück Stoff umschnürt ist.

In solchen grünen, windstillen Tälern mit einem fast tropischen Flüstern und Plätschern der Rinnsale, die über die Terrassenfelder laufen, legt sich ein Frieden über den Weg, als dürfe man hier einmal ausruhen. Man kann sicher sein: Der Weg ist auch morgen noch da, man befindet sich in einer verlässlichen Zeit.

Auch wenn die Landschaft sich ändert, wieder in karge Schluchten führt, sind die verlassenen Ortschaften, die eingefallenen Dächer aus Bananenblättern und die zerstörten Mauern so etwas wie Relikte, die von diesen frischen Tälern in eine Proportion gesetzt werden. Aber beides ist Kap Verde: Bilder, die das Land in Bewegung zeigen, und solche, die die Zeit anhalten, als sei seine Geschichte noch unerlöst.

Information (aktualisiert & zuätzliche verlinkt am 11.02.2003 by Reiseträume/gsc)

Anreise: TAP-Air Portugal fliegt ab Frankfurt am Main über Lissabon nach Sal (www.tap.pt). Der Hin- und Rückflug kostet von 686 Euro an plus Steuern und Gebühren, TACV-Caboverde Airlines ab München direkt nach Sal . Condor fliegt seit 1. November wieder ab Frankfurt am Main. Flüge zwischen den Inseln mit TACV.

Hotels: Die Preise fürs Doppelzimmer in Drei- bis Vier-Sterne-Hotels in Praia liegen zwischen 7000 CVE (69 Euro) und 12&xnbsp;000 CVE (118 Euro). Das neu erbaute Hotel Trópico und das Praia Mar haben gute Restaurants. Preiswertere Unterkünfte zwischen 2500 und 4500 CVE, zum Beispiel im Aparthotel Holanda ab 2800 CVE. Auf Santo Antão sollte man sich auf bescheidenen Komfort einrichten

Veranstalter: Für die Rundreise »Cabo Verde für Entdecker« mit sechs Übernachtungen zahlt man bei Olimar (Tel. 01805/83&xnbsp;82&xnbsp;81) ab 1620 Euro inklusive Flug ab Deutschland. »Insel-Karussell« heißt ein achttägiger Trip mit Stationen auf Sal, Santiago und Fogo, den Neckermann Reisen als Anschlussprogramm ab 1125 Euro anbietet

Literatur:
Cabo Verde von Regina Fuchs
Reise Know-How Verlag, Bielefeld 2000
22,50 Euro

Visum: Wird benötigt und kostet 40 Euro. Botschaft Kap Verde,
Dorotheenstraße 43, 10117 Berlin
Tel. 030/20&xnbsp;45&xnbsp;09&xnbsp;55, Fax 20&xnbsp;45&xnbsp;09&xnbsp;66

Auskunft: www.caboverde.com, hier sind auch Hotelhinweise zu finden

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© 25.04. 2002 Die ZEIT Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von: © Anne-Felicitas Görtz (Autorin) / Ruth Viebrock (DIE ZEIT)